Wildwest auf der Strasse

 In der online-Ausgabe der Bietigheimer Zeitung finden wir folgenden Artikel:
“Seit 100 Jahren gibt es den Führerschein - Vorher herrschten raue Sitten
Bevor Wilhelm II. einen allgemeinen Führerschein einführte, ging es auf den Straßen rau zu. Eine Männerdomäne blieb das Auto aber noch lange. Bis 1958 durften Frauen nur mit Erlaubnis des Mannes ans Steuer.
 
Als die frühen “Automobilisten” vor 100 Jahren die ersten Führerscheine in den Händen hielten, gab es nur wenige Verkehrsregeln. Der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II., führte vor einem Jahrhundert dennoch die erste Fahrerlaubnis ein, die deutschlandweit galt. Er nannte sie “Führerschein”. Am Sonntag wird der “Lappen”, wie der Volksmund den Schein später taufte, 100 Jahre alt.

Bis zum 3. Mai 1909 galten in den einzelnen Fürstentümern unterschiedliche Vorläufer des Führerscheins: Wer mit einer “Chauffeur-Befähigung”, oder dem “Prüfungsattest für Explosionsmotoren” in der falschen Provinz in eine Kontrolle geriet, wurde nicht selten verhaftet.

Dieses und viel Wissenswertes rund um die Geschichte der Fahrerlaubnis veranschaulicht die Ausstellung “100 Jahre Führerschein” im Düsseldorfer Meilenwerk.

1909 herrschten auf deutschen Straßen noch Wildwest-Manieren. “Die haben sich damals massenweise totgefahren”, sagt Verkehrshistoriker Mika Hahn. Das Risiko, bei einem Autounfall zu sterben, war 1907 - gemessen am Autobestand - 60 Mal höher als heute. Und damals rollten nur rund 40 000 Autos durchs Land. Inzwischen sind es etwa 50 Millionen Wagen und etwa ebenso viele “Lappen”.

Die ersten Fahrschulen hießen vornehm “Chauffeur-Schulen”. “Dort lernte man weniger über Verkehrsregeln und mehr über Technik - etwa ,wie wechsle ich eine Zündkerze”, berichtet Hahn. Angesichts der häufigen Pannen sei das ein “Muss” gewesen. “Das Auto war zu Beginn ein Spielzeug der Reichen.” Zur Fahrprüfung mussten die Schüler damals ihr eigenes Fahrzeug mitbringen. In den 20ern hieß es in den Lehrbüchern noch, Bremsmanöver seien durch Heben der Hand anzuzeigen - Bremsleuchten waren noch kein Standard.

Kuriosum am Rande: Karl Krieger, Chauffeur von Wilhelm II., besaß nie einen echten Führerschein, da er es verpasst hatte, seine “Lenkbefähigung” von 1903 gegen den Einheitsführerschein zu tauschen.

Bis Ende der 50er war Autofahren Männersache. Begehrte eine Frau den Schein, war sie auf den guten Willen des Gemahls angewiesen. Ohne seine Erlaubnis blieb ihr der Führerschein verwehrt. Das änderte sich erst 1958 mit dem “Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts”. Frau erhielt also eher das Wahlrecht (1919) als die Chance, ohne Einwilligung des Mannes den Führerschein machen zu dürfen.

Derzeit müssen 140 000 Autofahrer pro Jahr wegen Verstößen den Schein abgeben, eine Million im Jahr fallen bei der Prüfung durch. Im Lauf der Jahre wurde der Führerschein immer kleiner: Aus dem großen grauen wurde 1986 ein kleines rosa Faltpapier. Seit 1999 gibt es den EU-Führerschein im Scheckkarten-Format. Und es zeichnet sich das Ende des deutschen Führerscheins ab: Von 2013 an sollen nur noch einheitliche EU-Scheine ausgestellt werden. Bis 2033 sollen alle Alt-Formate verschwinden. Derzeit sind noch sechs deutsche Varianten in Gebrauch, darunter die DDR-Fahrerlaubnis. Das Wort “Führer” missfiel den DDR-Oberen aus historischen Gründen. dpa/ddp”

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